Veränderte Bedingungen im Pazifik wirken sich schon lange nicht mehr nur auf die unmittelbare Umgebung aus. Ihre weitreichenden Folgen werden wir bald durch Temperaturschwankungen, ungewöhnliche Niederschläge und bedrohte Ernteerträge rund um den Globus spüren.
Landwirte und Experten für Rohstoffmärkte beobachten derzeit mit wachsender Anspannung die tropischen Gewässer des Pazifiks, wo sich ein starkes El-Niño-Ereignis bereits in vollem Umfang entfaltet. Die amerikanische Nationale Ozean- und Atmosphärenbehörde (NOAA) veröffentlichte am 13. August einen beunruhigenden Bericht über die schrittweise Intensivierung des Phänomens. Demnach besteht eine über 90-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass dieser Klimaschub im Herbst und Winter an der Jahreswende 2026/2027 extreme Ausmaße erreichen wird.
Die Folgen für den Agrarsektor drohen dabei auch Ländern, die von den schlimmsten Wetterextremen verschont bleiben. Die Organisation Welthungerhilfe warnt beispielsweise, dass während der letzten Phase von 2023 bis 2024 über 60 Millionen Menschen die Auswirkungen zu spüren bekamen — hauptsächlich durch einen deutlichen Anstieg der Preise für Grundnahrungsmittel.
Der bekannte Klimatologe Eigil Kaas vom Niels-Bohr-Institut mahnt zur Vorsicht: Wir müssen uns auf Preiserhöhungen bei bestimmten Erzeugnissen aus Südamerika einstellen. Obwohl er sich selbst nicht als Ökonom bezeichnet, weist er konsequent auf die reale Gefahr eines drastischen Sojapreisanstiegs hin. Soja spielt eine absolut zentrale Rolle in der Futtermittelproduktion für Nutztiere — was sich letztlich kettenartig auf unsere Geldbörsen auswirkt.
Überflutungsrisiken und Dürren unterscheiden sich je nach Kontinent stark
Aus wissenschaftlicher Sicht stellt El Niño die Warmphase eines übergeordneten Ozean-Atmosphären-Zyklus dar. Die komplexe Wechselwirkung zwischen dem tropischen Pazifik und den Atmosphärenschichten tritt in unregelmäßigen Abständen von zwei bis sieben Jahren auf. Dabei ist jeder einzelne Zyklus einzigartig — seine Gesamtintensität und sein Schadenspotenzial variieren jedes Mal erheblich.
Selbst geringfügige Temperaturverschiebungen im Pazifikwasser können die globale Luftzirkulation Tausende von Kilometern entfernt aus dem Gleichgewicht bringen. Eine erhöhte Meerestemperatur garantiert zwar keine konkrete Katastrophe in einer bestimmten Region, erhöht jedoch die Wahrscheinlichkeit anomaler Wetterbedingungen an vielen Orten unseres Planeten dramatisch.
Während die Westküste Südamerikas häufig mit anhaltenden Regenfällen kämpft, drohen auf der anderen Seite — in Australien, Indonesien und Südostasien — verheerende Dürren. Als tragisches Mahnmal gelten die Berichte vom März 2017, als massive Überschwemmungen in Peru 94 Menschen das Leben kosteten und Tausende Familien ihre Häuser verloren. Indonesische Behörden geben bereits jetzt vorsorglich strenge Warnungen vor einem kritischen Wassermangel in den gefährdetsten Provinzen heraus.
Ein sprunghafter Anstieg der globalen Temperaturen droht
Die Freisetzung enormer Wärmemengen, die sich im tropischen Ozean angesammelt haben, führt in der Regel zu einem kurzfristigen Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur. Der Analyst für globale Temperaturentwicklungen Zeke Hausfather und Professor für Atmosphärenwissenschaften Andrew Dessler von der Texas A&M University haben sich eingehend damit befasst, wie genau uns dieser Prozess treffen wird.
Ihren vorläufigen mathematischen Modellen zufolge könnte das aktuelle Phänomen den globalen Thermometer im kommenden Jahr um weitere rund 0,3 Grad Celsius nach oben verschieben. Die wissenschaftliche Gemeinschaft betont jedoch in einem Atemzug, dass es sich dabei noch um eine grobe Schätzung handelt, die je nach genauem Zeitpunkt des klimatischen Höhepunkts weiter präzisiert werden muss.
Dieser unerwartete Wärmeimpuls kann dazu führen, dass die Durchschnittstemperatur in einem bestimmten Jahr die gefürchtete Grenze von 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau leicht überschreitet. Die Weltorganisation für Meteorologie beruhigt die Öffentlichkeit jedoch mit dem Hinweis, dass die Pariser Klimaabkommen mit langfristigen Durchschnittswerten arbeiten. Ein einzelner jährlicher Ausreißer bedeutet also keineswegs zwangsläufig das endgültige Durchbrechen dieses zentralen Klimaziels.
Der europäische Kontinent wird aller Voraussicht nach nicht von jenen extremen Niederschlagsanomalien heimgesucht, die Regionen in unmittelbarer Nähe des Pazifiks verwüsten. Experten liefern zudem eine leicht optimistische Einschätzung: Trotz weltweit steigender Temperaturen könnte Europa davor bewahrt bleiben, bestehende Hitzerekorde zu brechen. Die verheerendsten Auswirkungen des herannahenden El Niño werden dieses Mal an ganz anderen Ecken der Welt ihren Tribut fordern.










